Lucian's Tantra-EssaysUnsere Seminare teilweise auch draußen durchgefürt werden

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Professor Karl Grammer weiß, wann Frauen fremdgehen und warum wir beim Flirten stets die gleichen Fehler machen – sein Forschungsfeld ist das menschliche Balzverhalten.

Seit Jahren beschäftigt sich Karl Grammer mit den Mechanismen der Partnerwahl. Für ihn steht fest: „Wir sind Steinzeitjäger in der Großstadt“

Professor Grammer ist spät dran an diesem Morgen: Er musste eben noch rasch einen Hai umbetten, der seit mehr als hundert Jahren im Formalinbad vor sich hin dümpelte.

Gerade haben Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums den Formalintank abgeholt – leider ohne den Inhalt. Nun hat der Professor den alten Hai am Hals.

Eine leidige Geschichte. Denn viel lieber forscht der Evolutionsbiologe dort, wo es knistert und wo die Funken Sprühen – auf dem komplexen Feld des menschlichen Balzverhaltens.

Karl Grammer gilt als Koryphäe in der Wissenschaft der Partnersuche. Als Verhaltensforscher beschäftigt sich der 56-Jährige am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie in Wien seit vielen Jahren mit den Mechanismen des Flirtens.

Grammer strahlt die Souveränität eines Mannes aus, der weiß, wie die Sache läuft. Vielleicht legt er ja deshalb eine gewisse Lässigkeit an den Tag, trägt Bikerboots und spricht breites Schwäbisch. Weil er weiß, dass es darauf nicht ankommt. Aber worauf, bitte schön, dann? – „Ja, das wollen sie alle von mir wissen“, sagt Grammer und buchstabiert gleich den wichtigsten Grundsatz bei der Partnersuche: „Man bekommt immer das, was man nicht will, und zwar dann, wenn man nicht damit rechnet.“ So einfach sei das: Denn der Liebe gegenüber seien die Menschen machtlos. Sie könnten verstehen, wie sie biologisch funktioniere. Nur steuern könnten sie die Liebe nicht.

Um das zu erklären, fängt Grammer ganz von vorn an. Bei den Parasiten und der Frage nach dem Sinn der Sexualität: „Warum benötigen wir überhaupt zwei Individuen, um ein drittes zu erzeugen? Biologisch gesehen, ist das Blödsinn“, findet er.

Schließlich gibt es auch Organismen, die sich asexuell vermehren. Doch nur die geschlechtliche Fortpflanzung garantiert die stetige Neukombination der Gene. Und die wiederum die Variabilität der Immunsysteme, ohne die die Menschheit schon längst ausdarwiniert wäre. Dahingerafft vom Ungeziefer. „Wenn es keine Bakterien, Viren und Amöben gäbe, wäre Sex nicht notwendig“, sagt Grammer. „Das ist nicht romantisch, aber es ist halt so.“

Und es verdeutlicht, wonach wir instinktiv Ausschau halten, wenn wir nach einem Sexpartner suchen: nach einem Menschen mit einem intakten – und möglichst entgegengesetzte – Immunsystem.

Schon das Äußere verrät, wie es um Gesundheit und Fruchtbarkeit unseres Gegenübers bestellt ist. „Wir wissen inzwischen, dass Attraktivität und Immunsystem zusammenhängen“, erklärt Grammer

Körpermerkmale, die wir als anziehend empfinden, deuten auf einen makellosen Genpool hin. Symmetrische Gesichtzüge etwas oder ein ebenmäßiges Hautbild und glänzende Haare. Nicht zu vergessen das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang: „Die magische 0,7“, wie Grammer sagt.

Beim weiblichen Geschlecht zeigt dieser Wert sowohl Gesundheit als auch Attraktivität an: Frauen, deren Taillenmaß 70 Prozent des Hüftumfangs beträgt, werden von Männern besonders wohlwollend wahrgenommen. Es sind die Proportionen der Beauty-Queens: früher Marilyn Monroe, heute Kate Moss.

Um einzuschätzen, ob wir mit unserem Gegenüber eine sexuelle Zukunft teilen, arbeiten unsere Sensoren so schnell wie die Scanner-Kassen im Supermarkt: „Da machen zwei Körper blitzschnell etwas miteinander aus, ohne ihren Besitzern viel davon zu sagen.“ Und als ob es noch nicht ausreichen würde, dass wir nicht selbst bestimmen, wen wir begehren, ist sogar biologisch festgelegt, welche Fehler wir beim Flirten begehen.

Männer tendieren dabei generell zur Selbstüberschätzung: Sie denken, sie könnten jede kriegen. Obwohl das natürlich nicht stimmt und jeder Korb Energieverschwendung bedeutet. Doch ohne diese Selbstüberschätzung würde der Mann zu viele Chancen vergebe: „Das wäre doch saublöd, wenn tatsächlich mal was gegangen wäre, und er hat’s laufen lassen“, meint Grammer.

Dass sich Männer nahezu ununterbrochen mit Sex beschäftigen, bestätigt auch die US-Neuropsychiaterin Louann Brizendine. Die der Sexualität gewidmeten Zentren im männlichen Gehirn, sagt sie, seien etwas doppelt so groß wie die entsprechenden Zentren der Frau. Brizendine: Während Männer über „einen riesigen Flughafen als Drehscheibe für Gedanken über Sex“ verfügen, besitzen Frauen zum gleichen Zweck lediglich „eine kleine Landepiste für Privatflugzeuge“.

Im Gegensatz zu Männern sind Frauen nicht von der Panik verpasster Kopulationsmöglichkeiten getrieben, sondern vom Verlangen nach Sicherheit. Das ist ihr kardinaler Fehler beim Flirten – ebenfalls ein biologisch determiniertes Defizit.

Denn bevor sich eine Frau betrügen lässt und im schlimmsten Fall allein mit dem Nachwuchs dasitzt, verzichtet sie lieber gleich auf die eine oder andere Bettgeschichte.

bis auf vier Tage im Monat – die Zeit um ihren Eisprung herum. Da ticken Frauen fast genauso wie Männer: Sie wollen Sex. Sofort. Und zwar mit dem Alpha-Mann. In dieser kurzen Zeitspanne ist der Mythos der treuen Frau aufgehoben. Dann zählt auch in der Damenwelt keine Moral mehr, sondern nur noch der Geschlechtsakt und die Jagd nach dem verheißungsvollsten Genpool.

An den übrigen Tagen allerdings haben auch Durschnittsmänner ihre Chance. Denn von den Alpha-Machos, die sie sich zur Paarung aussuchen, wollen Frauen nur Sex – als Langzeitpartner bevorzugen sie den treu sorgenden Softie, auf dessen Loyalität sie bauen können. Fremdgehen mit einem Alpha-Mann ja, zusammenleben eher nein.

„Das ist so, weil Frauen bei der Reproduktion immer das höhere Investment haben“, erklärt Grammer. Sie investieren ihre zeit in soziale Kontakte. In ein Beziehungsnetz, das ihnen Unterstützung bei der Versorgung des Nachwuchses zusichert und so ihre Reproduktionskosten senkt. „Das Handy ist insofern der größte feministische Coup aller Zeiten“, lautet Professor Grammers steile These. Denn das Mobiltelefon ermögliche den Frauen erstmals, überall und zu jeder Zeit ihre Sozialkontakte zu pflegen.

Auch zu jenen Männern, die nicht mit überbordenden Testosteronwerten gesegnet sind, dafür aber verstehen, Frauen zu unterhalten. Die „Kaschperl-Theorie“, wie Grammer sie nennt: Sie besagt, dass der Umweg ins Schlafzimmer einer Frau auch über die Kunst führen kann. „Schließlich müssen auch jene Männer fündig werden, die eine Gruppe nicht durch ihre physische kraft dominieren.“ Für die sei es gut, wenn sie singen, dichten oder Geschichten erzählen können, meint Grammer, „weil solche Kaschperl für die Frauen eben auch interessant sind“.

Von den Parasiten zum Sex, von der Partnerwahl zur Untreue und vom Testosteronmanko zur Kunst. Für Grammer sind diese Zusammenhänge ein Meisterwerk der natur: „Alles bedingt sich wie eine Durchgängige Linie und lässt sich von Anfang an ohne Bruch herleiten. Bislang ist es noch niemandem gelungen, aus diesem Mosaik ein Steinchen herauszuziehen.“

Passen Gott und die Naturwissenschaft am Ende also doch in ein gemeinsames Weltbild? Grammer ist bei derart viel Stimmigkeit innerhalb der Evolutionsgeschichte ganz nachdenklich zu Mute: „Jedem biologischen Theoretiker muss himmelangst werden, dass das alles so verflucht gut passt.“

Nur wo er den toten Hai unterbringen soll, das weiß er immer noch nicht.